Thema: Schwangerschaft und Stillzeit

Bei einer Schwangerschaft ist oft nicht sicher, welche Einflüsse verträglich für den Nachwuchs sind. Darum fragen sich viele Schwangere auch, ob der Genuss von Kaffee eine schädigende Wirkung auf das ungeborene Kind haben könnte. Dabei geht es in erster Linie um das Koffein, denn es kann ebenso wie Alkohol die Plazenta-Schranke ungehindert passieren. Da beim Embryo - wie auch beim Säugling - die Leber noch nicht voll entwickelt ist, benötigt der Körper zum Abbau des Koffeins deutlich mehr Zeit als bei erwachsenen Menschen.

Fehlgeburtsrisiko / spontaner Schwangerschaftsabbruch

Es gibt einzelne Hinweise darauf, dass beim Konsum großer Mengen Koffeins während der Schwangerschaft das Fehlgeburtsrisiko ansteigt [z. B. 1]. Eindeutig ist die Studienlage allerdings nicht. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2010 fand beispielsweise keine Assoziation zwischen dem Kaffeegenuss während der Schwangerschaft und dem Frühgeburtsrisiko [2].

In einer Untersuchung aus dem Jahr 2012 wurde nach einem möglichen Zusammenhang zwischen der perikonzeptionalen Einnahme hoher Koffeindosen (als Bestandteil von Medikamenten) und spontanen Aborten gesucht [3]. Das Ergebnis: Die in der Studie durchschnittlich eingenommenen Koffeindosen (sie entsprachen etwa 6 Tassen Kaffee am Tag) haben das Risiko für klinisch registrierte Spontanaborte nicht erhöht.

In einer neueren Studie wurde untersucht, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Risiko für wiederholte, scheinbar grundlose Fehlgeburten und dem Koffeinkonsum während des Zeitraums der Empfängnis und frühen Gestation gibt [4]. Dies wird von den Studienautoren für möglich gehalten. Deshalb halten sie es für "weise", die Koffeinaufnahme in der Zeit um die Empfängnis herum und der frühen Schwangerschaft zu reduzieren.

Die amerikanische Fachgesellschaft der Gynäkologen gab im Jahr 2010 folgende Stellungnahme ab: Eine moderate Koffeinaufnahme (weniger als 200 mg pro Tag) scheint keinen negativen Einfluss auf die Rate an Fehlgeburten oder das Risiko einer Frühgeburt zu haben. Ob Koffein das Wachstum des Fötus beeinflusst, könne noch nicht endgültig beurteilt werden [5].

Fötales Wachstum / Geburtsgewicht

In einem Review aus dem Jahr 2002 wurde zwar ein Zusammenhang zwischen Kaffee / Koffeinkonsum und einem geringen Geburtsgewicht gefunden, jedoch war dieser aber umso schwächer ausgeprägt, je größer die Stichprobe der jeweiligen Studie war und je besser die Analyse in den Studien ausgeführt wurde [6]. Ein Cochrane-Review aus 2009 kommt zu dem Schluss, dass drei Tassen Kaffee in der frühen Phase der Schwangerschaft keinen Einfluss auf Geburtsgewicht, Frühgeburt oder Wachstum haben [7].In die gleiche Richtung weist eine Studie, die im Jahr 2012 die Auswirkung von Kaffeegenuss auf das fötale Wachstum untersuchte [8a]. Die Studienautoren konnten darin keinen Einfluss des Kaffeekonsums feststellen.Eine polnische Studie aus dem Jahr 2011 hatte zum Ziel, den Koffeinkonsum Schwangerer abzuschätzen und den Einfluss auf Schwangerschaftsdauer, Geburtsgewicht und Apgar-Score zu überprüfen [8b]. Die Daten von über 500 Schwangerschaften bzw. Neugeborenen flossen in die Studie ein. Die Auswertung ergab: 98,4 Prozent der Schwangeren konsumierten nicht mehr als 300 mg Koffein pro Tag. Und: Es fand sich kein Zusammenhang zwischen dem Koffeinkonsum und dem Risiko einer Frühgeburt, dem Geburtsgewicht oder einem schlechten Apgar-Score. Die Forscher kommen zu dem Schluss: Eine Koffeinaufnahme von nicht mehr als 300 mg pro Tag beeinflusst weder die Schwangerschaftsdauer noch das Wohlbefinden des Neugeborenen.

Einfluss auf die Entwicklung / Fehlbildungen

Hier ist die Studienlage unübersichtlich. Gemäß dem schon oben zitierten Review aus dem Jahr 2002, das sieben Untersuchungen auswertete, tendieren drei Studien zu einem Zusammenhang zwischen Koffeinkonsum und Fehlbildungen, vier Studien hingegen zeigen keine solche Assoziation [6].

In Versuchen mit frühen Hühnchenembryonen fanden Wissenschaftler heraus, dass eine Koffeinexposition möglicherweise zu einer fehlerhaften Schließung des Neuralrohres führen könnte [9].

In einer Fall-Kontroll-Studie mit Daten aus der National Birth Defects Prevention Study (NBDPS) wurde die mütterliche Koffeinzufuhr mit dem Vorkommen angeborener Extremitäten-Deformationen verglichen [10]. Die Forscher fanden dosisunabhängig ein schwach erhöhtes Risiko für angeborene Extremitäten-Deformationen durch den Koffeinkonsum in der Schwangerschaft. In einer Studie mit Ratten wurde der Einfluss von mütterlicher Koffeinaufnahme auf die funktionelle Entwicklung des fötalen Hippocampus und die Hypothalamus- Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA) untersucht [11]. (Die HPA-Achse wird bei Stress aktiviert, was schließlich zu einer Cortisolausschüttung führt.) Die Ergebnisse zeigten: Die Koffeinaufnahme erhöhte den Glucocorticoid-Spiegel sowohl der Mutter als auch des Fetus. Sie hemmte - möglicherweise als Folge dessen - die Entwicklung der fötalen HPA-Achse.

Um solche Studienergebnisse sicher beurteilen zu können, werden noch viele weitere Forschungsarbeiten benötigt.

Empfehlungen

Gesundheitsbehörden in Europa raten Schwangeren nicht vom Kaffeegenuss ab. Vielmehr empfiehlt man schwangeren Frauen, eine Höchstmenge an Koffein nicht zu überschreiten. 

In einem Gutachtenentwurf vom Januar 2015 stellt die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) fest: "Bei Schwangeren ist eine Koffein-Aufnahme von bis zu 200 mg pro Tag für den Fötus unbedenklich." Schwangere brauchen also nicht ganz auf ihren Kaffee zu verzichten, sondern dürfen etwa zwei Tassen täglich genießen.

Bei dem empfohlenen Grenzwert für Schwangere muss bedacht werden, dass Koffein auch in Tee, Kakao und manchen Softdrinks enthalten ist. Frauen, die ganz sicher gehen oder mehr als die empfohlene Menge an Kaffee trinken wollen, können auf entkoffeinierten Kaffee ausweichen. Bedenken müssen werdende Mütter auch, dass sich die Halbwertszeit des Koffeins im Körper während der Schwangerschaft erhöht. Sie liegt normalerweise bei durchschnittlich 4 Stunden, bei Schwangeren steigt sie auf bis zu 15 Stunden. Der aufmunternde Effekt kann dadurch länger anhalten.StillzeitDa Koffein in die Muttermilch übergeht, sollten stillende Mütter koffeinhaltige Getränke wie Kaffee nur in Maßen genießen. Bislang ist man sich allerdings noch nicht einig darüber, wie viel Koffein über die Muttermilch letztlich beim Kind ankommt. In einer brasilianischen Studie untersuchten Forscher den Einfluss von Kaffeegenuss stillender Mütter auf das Schlafverhalten ihres drei Monate alten Nachwuchses [12]. Dabei stellte sich heraus, dass ein bis zwei Tassen Kaffee pro Tag keine Schlafstörungen bei Säuglingen hervorriefen. So ziehen die Autoren den Schluss, dass die in einigen Ländern, einschließlich Deutschland, empfohlene Höchstgrenze von 300 mg Koffein / Tag, zumindest im Hinblick auf das Schlafverhalten der Säuglinge, beibehalten werden kann.

1. Klebanoff, M.A. et al. New England Journal of Medicine, 341, 1639-1644, 1999.
2. Maslova, E. et al. Am J Clin Nutr, 2010. DOI: 10.3945/ajcn.2010.29789.
3. Howards, P.P. et al. PLOS ONE, 7(11): e50372, online publiziert am 16.11.2012.
4. Stefanidou, E.M. et al. European Journal of Obstetrics & Gynecology and Reproductive Biology, 158, 220-224, 2011.
5. The American College of Obstetricians and Gynecologists, Committee on Obstetric Practice, Obstetrics & Gynecology 462, 2010.
6. Leviton, A. and Cowan, L. Food and Chemical Toxicology, 40, 1271-1310, 2002.
7. Jahanfar, S., Sharifah, H. Cochrane Database of Systematic Reviews, Issue 2: CD006965, 2009.
8a. Conde, A. et al. Acta Med Port, 24, 241-248, 2011.
8b. Jarosz, M. et al. European Journal of Obstetrics & Gynecology and Reproductive Biology, 160, 156-160, 2012.
9. Ma, Z.-l. et al. PLOS ONE, 7(3): e34278, online publiziert am 28.3.2012.
10. Chen, L. et al. Birth Defects Research, Teil A: Clinical and Molecular Teratology, online publiziert am 18.8.2012.
11. Xu, D. et al. PLOS ONE 7(9): e44497, online publiziert am 6.9.2012.12. Santos, I.S. et al. Pediatrics, 129, 860-8, 2012.