Thema: Gewöhnung und Abhängigkeit

Immer wieder wird im Zusammenhang mit Koffein auch von einer "Droge" gesprochen, und es wird der Substanz ein Abhängigkeitspotenzial zugeschrieben. Die zuständigen Behörden weltweit haben jedoch für den Konsum von Koffein keinerlei Beschränkungen angeordnet. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) konstatierte: "Es gibt keine Hinweise irgendwelcher Art, dass Koffeinkonsum auch nur im Entferntesten Folgen hat, die mit den physischen und sozialen Konsequenzen von ernsten Drogen vergleichbar wären" [1]. 

Bei regelmäßigem Koffeinkonsum kann man eher von einer Toleranzentwicklung oder Gewöhnung sprechen. Sie erklärt sich daraus, dass der Körper auf die wiederholte Verdrängung des Adenosins an den Rezeptoren mit einer Erhöhung der Adenosinrezeptoren-Dichte reagiert [2]. Bei gewohnheitsmäßigen Kaffeetrinkern treten daher möglicherweise Entzugssymptome auf, die sich aus der physiologischen Wirkung des Koffeins ableiten lassen. Dazu gehören vor allem Kopfschmerzen, Schläfrigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten oder schlechte Stimmung [3]. Wie experimentelle Studien gezeigt haben, sind Kopfschmerzen mit 50 Prozent das häufigste Entzugssymptom. Typischerweise tauchen die Symptome 12 bis 24 Stunden nach Koffeinabstinenz auf und verschwinden nach 2 bis spätestens 9 Tagen wieder [4]. 

Trotz der Entzugssymptome erfüllt Koffein nicht die Kriterien für ein mögliches Abhängigkeitsrisiko. Klassische Missbrauchsdrogen wie Amphetamine, Kokain oder Nikotin stimulieren die Freisetzung von Dopamin im Nukleus accumbens im basalen Vorderhirn, jener Struktur, die für Belohnung, Motivation und Suchtverhalten zuständig ist. 

In einer experimentellen Studie aus dem Jahr 2010 konnten die Autoren jedoch aufzeigen, dass Koffein die suchtverstärkenden Belohnungszentren im Gehirn nicht beeinflusst [5]. Koffein, so die Forscher, könne daher nicht abhängig machen. 

In einem Review schlugen Wissenschaftler eine neue Definitionen für die Begriffe Sucht und Entzug vor [6]. Danach versteht man unter Sucht, dass der Betroffene dem regulären Konsum einer Droge nicht widerstehen kann, und sich daraus Probleme ergeben. Koffein passt nicht in dieses Suchtprofil, es schädigt weder den Einzelnen noch die Gesellschaft. Die Autoren dieses Reviews folgern aus dem vorhandenen Datenmaterial, dass Koffein weder nach den Kriterien des gesunden Menschenverstands noch nach wissenschaftlicher Definition eine süchtig machende Substanz ist. 

Ob ein Mensch gewohnheitsmäßig Kaffee trinkt oder nicht, hängt wohl auch - zumindest teilweise - von seinen Genen ab, wie eine neuere Untersuchung zeigt [7]. In der Metaanalyse fanden Forscher zwei Gen-Orte, die mit einem gewohnheitsmäßigen Kaffeekonsum im Zusammenhang stehen könnten. 

1. World Health Organization (WHO). The ICD-10 classifi cation of mental and behavioral disorders. World Health Organization. Geneva, 1994.
2. Pritzel, M., Markowitsch, J. Gehirn und Verhalten, Spektrum Verlag 2009.
3. Juliano, L.M. et al. Drug and Alcohol Dependence, 2012.
4. Juliano, L.M., Griffi ths, R.R. Psychopharmacology, 176, 1-29, 2004.
5. Nehlig, A. et al. Dialogues Clin Neurosci, 255-263, 2010.
6. Satel, S. The American Journal of Drug and Alcohol Abuse, 32, 493-502, 2006.
7. Cornelis, M.C. et al. PLOS Genet 7(4): e1002033, 2011.