Thema: Diabetes

Weltweit breitet sich der Typ-2-Diabetes geradezu epidemisch aus. Deutschland macht hier keine Ausnahme. Derzeit rechnet man mit mindestens sechs Millionen Bundesbürgern, die vom sogenannten Altersdiabetes betroffen sind. Bis zum Jahr 2030 wird die Zahl der von Diabetes Betroffenen auf 8 Mio. Menschen steigen, lautet die Schätzung der International Diabetes Federation (IDF). Eine Vielzahl von Untersuchungen, welche die Auswirkung von regelmäßigem Kaffeekonsum auf Diabetes unter die Lupe nehmen, kommt zu einem interessanten Ergebnis: Anscheinend ist Kaffeetrinken mit einem verminderten Risiko für Typ-2-Diabetes verbunden.

Die Ergebnisse der EPIC-Deutschland-Studie ...

Forscher des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung haben die Ergebnisse der EPIC-Deutschland-Studie mit mehr als 42.600 Probanden aus Potsdam und Heidelberg analysiert [1]. Danach war der Konsum von täglich mehr als vier Tassen koffeinhaltigen Kaffees (über 600 ml) im Vergleich zu durchschnittlich weniger als einer Tasse täglich mit einem um 23 % verringerten Typ-2-Diabetes-Risiko assoziiert. Ein ähnlicher Zusammenhang deute sich auch für entkoffeinierten Kaffee an, so die Forscher. Allerdings ist das nichts Neues: Die Studienergebnisse bestätigen lediglich etliche andere Studien aus den Jahren zuvor [z. B. 2-6]. 

... bestätigen viele ältere Untersuchungen

Im Jahr 2006 wurde eine prospektive Kohortenstudie mit rund 88.000 Frauen (Teil der US Nurses Health Study) publiziert [7]. Die Autoren beobachteten, dass der mäßige Genuss von koffeinhaltigem und entkoffeiniertem Kaffee das Typ-2-Diabetesrisiko bei jungen Frauen und Frauen mittleren Alters verringern kann. Sie folgerten daraus, dass für diese Risikoreduktion vermutlich nicht das Koffein, sondern ein anderer Inhaltsstoff des Kaffees verantwortlich ist. Der exakte Wirkmechanismus müsse noch weiter erforscht werden [8]. Eine weitere Studie aus 2006 wertete den Effekt des Kaffeekonsums auf die Glukose-Toleranz, den Blutzuckerspiegel und die Insulinkonzentration aus. Bei Männern und Frauen zeigte sich, dass Kaffeegenuss einen positiven Einfluss auf diese glykämischen Marker ausübte [9].

Einen weiteren Hinweis darauf, dass vermutlich nicht das Koffein allein der ausschlaggebende Faktor für die Kaffee-Wirkung auf das Diabetes-Risiko ist, lieferte 2006 die IOWA Women`s Health Study, an der sich 28.000 Frauen beteiligt hatten [10]. Man verglich darin den Einfluss von koffeinhaltigem Kaffee mit entkoffeiniertem. In beiden Kohorten zeigte sich eine Senkung des Typ-2-Diabetesrisikos, besonders deutlich jedoch bei der Gruppe, die entkoffeinierten Kaffee zu sich genommen hatte. Smith et al. wiederum untersuchten den Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und dem Auftreten von Diabetes auf der Basis eines oralen Glukosetoleranztests und unterschieden dabei zwei Gruppen, die entweder normale oder gestörte Blutzuckerwerte aufwiesen [11]. Die Autoren fanden dabei einen beeindruckenden protektiven Effekt von koffeinhaltigem Kaffee auf das Typ-2-Diabetesrisiko.

Dass Kaffeekonsum einen protektiven Effekt auf das Typ-2-Diabetesrisiko hat, bestätigte im Herbst 2008 eine Studie, an der fast 37.000 chinesisch-stämmige Frauen und Männer aus Singapur teilgenommen hatten [12]. Die Forscher hatten neben Kaffee auch die Wirkung von Schwarztee und Grüntee untersucht. Die Analyse der Daten ergab, dass der gewohnheitsmäßige Genuss von mehr als vier Tassen Kaffee pro Tag das Risiko, einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln, um 30 % verringerte. Ein ähnliches Resultat fand sich beim Schwarztee. Grüntee hingegen scheint hier keinen protektiven Effekt auszuüben. Auch die chinesischen Forscher vermuteten, dass wohl nicht das Koffein selbst für diesen Effekt verantwortlich zu machen ist, sondern eine Vielzahl der im Kaffee sonst noch vorhandenen Substanzen eine maßgebliche Rolle spielt.

Metaanalyse findet Dosis-Wirkungsbeziehung

Eine Ende 2009 veröffentlichte Metaanalyse lieferte weitere Hinweise für die protektive Wirkung von Kaffee gegen einen Typ-2-Diabetes mellitus [13]. Auch Tee war mit einer geringeren Erkrankungsrate assoziiert. Koffein fällt als Erklärung weg, da auch entkoffeinierter Kaffee eine vorbeugende Wirkung entfaltete. Die Wissenschaftler vom George Institute for International Health in Sydney stützten ihre Aussagen dabei auf 18 Studien mit 457.922 Teilnehmern. Hinzu kamen noch einmal sechs Studien mit 225.516 Teilnehmern zum Einfluss von entkoffeiniertem Kaffee und sieben Studien mit 286.701 Teilnehmern zu den Auswirkungen von Tee. Sie kommen fast einmütig zu dem Ergebnis, dass der Genuss der drei erwähnten Getränke mit einer erniedrigten Rate von Erkrankungen am Typ-2-Diabetes mellitus einhergeht. Mehr noch: Die überwiegende Zahl der Studien findet eine Dosis-Wirkungsbeziehung: Je mehr Tassen dieser Getränke Erwachsene am Tag trinken, desto geringer ist das Erkrankungsrisiko. Pro Tasse Tee oder Kaffee (mit oder ohne Koffein) sinkt das Erkrankungsrisiko um 7 %, so die Forscher.

Auswirkungen von Kaffee auf den Blutzuckerspiegel

Anscheinend kann Kaffee bei bereits erhöhtem Blutzucker einer Verschlechterung der Glukose-Toleranz entgegenwirken [14]. Dies jedenfalls war das Ergebnis einer randomisiert-kontrollierten Studie, in welcher der Effekt von längerfristigem Konsum (hier: 16 Wochen) entkoffeinierten und koffeinhaltigen Kaffees auf den Glukose-Metabolismus untersucht wurde. Versuchspersonen waren übergewichtige Männer mit einem leicht bis moderat erhöhten Blutzuckerspiegel. Im Ergebnis zeigten sich beide Kaffeezubereitungen als wirkungsvoll. Anders sieht das allerdings vielleicht bei Patienten mit bereits manifestem Diabetes aus. Amerikanische Forscher hatten bereits im Jahr 2004 im Rahmen einer Publikation konstatiert, dass eine Koffeinaufnahme im Zusammenhang mit einer Mahlzeit den Blutzuckerspiegel ansteigen lässt [15]. Dieselben Wissenschaftler publizierten drei Jahre später eine ähnliche Untersuchung, die zu dem gleichen Ergebnis führte [16]. Möglicherweise würde daher ein Verzicht auf koffeinhaltige Getränke den Blutzuckerspiegel bei Diabetikern positiv beeinflussen können, so die Forscher. Allerdings war die Zahl der untersuchten Diabetiker in beiden Studien sehr klein (n= 14 bzw. 10) und es wurden keine koffeinhaltigen Getränke, sondern lediglich Koffeinkapseln verabreicht. Ein aktuelles Review unterstreicht jedoch die Ergebnisse [17]. Neun Untersuchungen mit insgesamt 134 Teilnehmern gingen in die Studie ein. Die Analyse zeigt, dass eine Koffeinaufnahme in Form von Tabletten bei Patienten mit Typ-2-Diabetes möglicherweise die Blutzuckerkontrolle negativ beeinflussen kann. Im Jahr 2012 haben die oben erwähnten amerikanischen Forscher in einer kleinen Pilotstudie untersucht, ob eine Kaffeeabstinenz Typ-2-Diabetikern helfen könnte, den Blutzuckerspiegel zu kontrollieren [18]. Sieben Versuchsteilnehmer verzichteten über drei Monate auf ihren Kaffee, ihr HbA1c verbesserte sich daraufhin signifikant, der Nüchternblutzucker besserte sich jedoch nicht. Die Studienlage im Hinblick auf bereits bestehenden Diabetes bleibt widersprüchlich: In einem Versuch mit diabetischen Ratten konnten Forscher zeigen, das der Blutzuckerspiegel durch die orale Gabe von Koffein gesenkt und die Glukosetoleranz verbessert werden konnte [19].

Wie kommen die Wirkungen zustande?

Beeinflussung der Insulinsensitivität

Wie der oben beschriebene schützende Effekt zustande kommt, ist noch nicht genau bekannt und wird derzeit intensiv untersucht. Diskutiert wird beispielsweise, ob koffeinhaltiger Kaffee die Insulinsensitivität verbessern könnte [20, 21, 22]. In anderen Untersuchungen wurde dieser Effekt nicht gefunden [z. B. 23].

Antioxidantien

Oxidativer Stress spielt bei der Entstehung des Diabetes mellitus eine zentrale Rolle (verstärkte Radikalbildung durch die erhöhte Glukose-Oxidation, nichtenzymatische Glykierung von Proteinen sowie Lipid-Peroxidation) [24]. Die oxidative Abwehr ist bei Typ-2-Diabetikern reduziert bzw. entsprechend überfordert [25]. Kaffee enthält im verzehrfertigen Produkt eine Vielzahl von Substanzen mit potenziell antioxidativer Wirkung wie Melanoidine und Chlorogensäure [23]. Aus Chlorogensäure beim Röstprozess entstehende Quinide scheinen beispielsweise unmittelbar die Insulinsensitivität zu verbessern [26, 27].

Entzündungsfaktoren runter, Adiponektinspiegel hoch

Auch entzündliche Prozesse scheinen bei der Entstehung von Diabetes eine Rolle zu spielen. Daten der Nurses Health Study zeigen, dass bei den Frauen, die regelmäßig Kaffee tranken, die im Blut nachweisbaren Entzündungsfaktoren reduziert waren [28]. Der Adiponektinspiegel im Blut ist bei Kaffeetrinkerinnen hingegen erhöht [29]. Adiponektin ist ein Adipozytokin, das in den Fettzellen des Körpers produziert wird. Es stimuliert die Fettsäureoxidation und verbessert die Insulinsensitivität in Fettzellen, der Leber und Skelettmuskeln. Ferner wurden vasoprotektive und antiinflammatorische Effekte des Adiponektins beschrieben. Hohe Plasma-Adiponektinspiegel sind nachweislich direkt mit einem niedrigen Diabetes-Risiko verbunden [30]. Auch in einer deutschen Interventionsstudie kommen die Forscher zu dem Schluss, dass sich gewohnheitsmäßiges Kaffeetrinken positiv auf subklinische Entzündungen auswirkt und der Adiponektinspiegel erhöht wird [31]. Eine Studie an japanischen Männern zeigt: Je mehr Kaffee getrunken wird, desto höher steigt der Adiponektinspiegel [32]

Chlorogensäuren und Melanoidine wirken günstig

Chlorogensäure und weitere Kaffeebestandteile beeinflussen möglicherweise unmittelbar die Glukoseaufnahme und die Hormonsekretion [33]. Chlorogensäuren könnten zudem den Glukosetransport in den Muskeln stimulieren, worauf Versuche mit Mäusen hinweisen [34]. Vielleicht beruhe auf diesem Wirkmechanismus der Chlorogensäure der günstige Effekt von Kaffee auf Diabetes, so die Forscher.

Die im Kaffee enthaltenen Melanoidine haben eine hemmende Wirkung auf das Angiotensin-Converting-Enzym und wirken daher als natürlicher ACE-Hemmer [35]. Aus einer Fall-Kontroll-Studie aus dem Jahr 2011 geht hervor, dass koffeinhaltiger Kaffee die Insulinsensitivität erhöhte, während entkoffeinierter Kaffee die Betazellfunktion des Pankreas günstig beeinflusste [36].

Absenkung zirkulierender Katecholamine?

In eine ganz andere Richtung weisen Versuche an Ratten [37]. Sie zeigten, dass langfristiger Koffeinkonsum möglicherweise der Entwicklung einer Insulinresistenz und einem Bluthochdruck vorbeugen könnte - und dass dieser Effekt durch Herabsenkung der zirkulierenden Katecholamine zustande kommen könnte.

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